Zwischen Autos und Erotik

Haute-Couture in der Kunsthalle München

Seit einiger Zeit nun begeistert die Mugler Anstellung mit dem so beispielhaften Titel „COUTURISSIME„ das interessierte Münchner Publikum. Eine doch sehr kleine Ausstellung, die eigentlich schnell gesehen ist, lädt zum verweilen und staunen ein. In atemberaubender Weise wird hier gezeigt, warum Kostümbildner die Könige ihrer Disziplin sind und die somit wahren Köpfe der Modeindustrie. Das Highlight der Ausstellung ist zweifelsohne die Videoinstallation, die Muglers Kostüm für Mac Beth zeigt. Doch ist das Kostüm hier eigentlich Nebendarsteller, denn der Tanz und die Inszenierung von Theatralik ist beeindruckend. In der Szene, in der das Blut in einer digitalen Form so künstlerisch dagestellt ist, erkennt man das Genie hinter dem Werk. Diese Inszenierung in Avignon war dabei die teuerste in der Geschichte der Comédie-Française.


Weiter sind zahlreiche Haute-Couture und Prêt-à-porter-Outfits zu sehen… darunter viele, die noch nie zuvor ausgestellt wurden. Sein spektakuläres Naturell wird förmlich in die Kunsthalle transportiert und beim Betrachten der weiblichen und erotisch inszenierten Damenmode, des Hangs zum Superheldinnentum und der dargestellten Kostüme die durch Autos und Reifen, Comics und Popkultur inspiriert sind, fühlt man sich in das Paris der 80er Jahre zurück versetzt. Man begreift nun, wie „Manfred“ die Pariser Mode wieder konkurrenzfähig zur New Yorker Coolnes machte. Er verleiht den Trägerinnen seiner so sexualisierten Mode durch die harten und „männlichen“ Materialien wie Metall von Autokarosserien oder Hartgummi und die an Superheldinnen erinnernden Schnitte eine enorme Ausstrahlung von Unsterblichkeit. Er schafft es somit, das Attribut der Stärke mit erotischer Symbolik aufzuladen. 


Der Mensch ist das wohl einzige Lebewesen, das selbständig darüber entscheidet, wie es aussieht, weiß Mugler. Es ist auch das einzige Lebewesen, dass entscheidet, was es zeigt. So setzt Mugler als Fotograf seine Models toll in Szene, zeigt tolle Silhouetten, und auch viel nackte Haut. Seine eigenen Fotos, aber auch die zahlreicher Starfotografen werden gezeigt. Stars wie David Bowie, Lady Gaga oder Diana Ross werden in seinen Kostümen abgelichtet und stellen ihr ganzes Charisma auch vor der Kamera zur Show. David Bowie in einem perfekten grünen Anzug bleibt nach der Ausstellung wie brennend im Gedächtnis und strahlt Coolnes pur aus. Abgerundet wird die Ausstellung durch Accessoires, Entwurfszeichnungen und Archivmaterial Muglers. 


Mugler, mit seiner Vorliebe für theatralische Performances, inszenierte einige der spektakulärsten Modenschauen seiner Zeit. Seine Shows glichen einer Party, die einzig und allein der Mode gehörte. Es war eine Feier der Kleidung und der Körper. Eben jenes Spektakel versucht die Ausstellung in der Kunsthalle widerzuspiegeln. In Zeiten von Unsicherheit und Abstandsregeln, in der Intimität im Öffentlichen Raum gänzlich verloren geht kommt diese Ausstellung genau richtig. Denn unsere Gesellschaft rutscht nicht erst seit Corona in eine Art Verklemmtsein und Überkorrektheit ab, in der Perfektion und Optimierung zum größten Ziel erkoren wurden. Umso mehr tut diese Ausstellung gut, denn erinnert an das Ausschweifende, das Unbekümmerte und das Unreife, sie ist ein Festival der Eindrücke, der Schönheit und der Freude, das die Idee von Kleidung als Kulturgut ebenso laut und bizarr wie essentiell und elementar für unsere Gesellschaft darstellt. Hinzu kommt, dass er grelle Popkultur mit Haute Couture vereinte. Es trifft somit den Nagel der Zeit, in der die Größen der Mode vermehrt auf (luxuriöse) Streetwear setzen. Bis Ende Februar 2021 ist die Ausstellung noch zu sehen und ich empfehle jedem, diese auch zu besuchen!